Nachhaltiges Norderstedt – Klimaneutral bis 2025 statt 2040?

Das Ziel der norddeutschen Stadt Norderstedt ist es, bis 2040 klimaneutral zu sein. Das liegt unter dem Bundesdurchschnitt (2050), und Norderstedt ist sehr stolz auf dieses pro-Klima Image und gewinnt gerne viele Preise. 2040 reicht natürlich bei Weitem nicht, und die Organisation Extinction Rebellion spricht sich für ein 2025 Ziel aus. Nur mit einem strikten Ziel ist es möglich, eventuell noch die globale Erwärmung bei unter 1,5 Grad zu halten und das Schlimmste zu vermeiden. Doch wie funktioniert Klimaneutralität und Klimapolitik in Norderstedt? Alena hat beim Amt “Nachhaltiges Norderstedt” (NaNo) angerufen und mit dem Leiter Herbert Brüning gesprochen.

Wichtige Punkte:

  • NaNo ist das zuständige Amt für die Klimaneutralität.

  • Der Leiter von NaNo, Hr Brüning, sowie der Umweltdezernent Dr Magazowksi sind beides sehr innovativ-denkende Menschen, die radikalen Wandel für Klimaneutralität wollen.

  • Ein Antrag auf Klimaneutralität bis 2025 müsste vom Umweltausschuss an NaNo gemacht werden. NaNo würde sehr viel Zeit in die Formalien und Bürokratie investieren müssen, die von der eigentlichen Arbeit ablenken würde.

  • Das Ziel, bis 2040 klimaneutral zu werden, setzt auf konkrete Veränderungen, die nicht nur auf dem Papier mathematisch klimaneutral sind. Das heisst, statt einer Überproduktion von erneuerbarer Energie, wie sie im “Kopenhagen klimaneutral bis 2025” vorgesehen sind, wird Norderstedt tatsächlich die Emissionen reduzieren anstatt zu kompensieren. Kompensationszahlungen sind wie Ablassbriefe.

  • Klimaneutral bis 2025 würde in Norderstedt heissen, dass viel Zeit in die Erstellung des Konzepts (#Bürokratie) investiert werden müsste, und dass NaNo dann nur Kompensationszahlungen macht.

  • NaNo und die Stadtwerke werden es wahrscheinlich vor 2040 schaffen, wirklich klimaneutral zu sein, und das nicht nur mathematisch. Sie wollen aber das Ziel nicht heruntersetzen, weil das praktisch unnötig ist. Handeln über Reden.

  • Die Stadtwerke Norderstedt sind rechnerisch auf dem Weg zur Klimaneutralität, aber nur weil sie “schlechte” Energie einkaufen statt selber zu produzieren. Die Stadtwerke sind nicht Teil von NaNo, stattdessen gibt es dafür einen eigenen Stadtwerkeausschuss.

  • Um bestimmte konkrete Ziele im Umweltausschuss bewilligt zu bekommen, braucht Hr Brüning die Beteiligung der Zivilgesellschaft, wie z.B. Extinction Rebellion oder Fridays for Future. Der FDP Abgeordenete des Umweltausschusses hat kürzlich NaNo einen Prüfungsantrag gegeben, um zu prüfen, ob Solarpanels auf einem Feld gebaut werden können. Der Vorschlag des FDP Abgeordeten ist gut gemeint, aber ist ein Schritt zurück von den Massnahmen, die NaNo bereits ausgearbeitet hat und die NaNo bereit ist umzusetzen. Hr Brüning möchte gerne persönlich besprechen, wie wir die Fraktionsmitglieder im Ausschuss ansprechen, um die zu bewegen, den progressiven Massnahmen von NaNo Vorrang zu geben.

 

Wem “gehorcht” NaNo?

  • NaNo wurde vom Umweltausschuss der Stadt Norderstedt gegründet.
  • NaNo wird von dem “Baudezernenten” der Stadt beaufsichtigt. Der Dezernent wird vom Kommunalparlament einer Stadt gewählt. Die Funktionsweise und Ziele von NaNo hängen stark von der Motivation und Kompetenz des Baudezernaten ab. Der jetzige, Dr. Christoph Magazowksi, kommt aus dem Umweltschutz und verlangt von dem Team innovatives Denken und Handeln.
  • Der Umweltausschuss ist mit Stadtvertretern/ Politikern aus den verschiedenen Fraktionen besetzt. Der Umweltausschuss gibt an NaNo weiter, was für Ideen geprüft und umgesetzt werden sollen (z.B. was die beste Möglichkeit ist, weniger Verkehrsemissionen zu haben). Die öffentlichen Sitzungen und Protokolle des Umweltausschusses können eingesehen werden. Jeder kann zu den Sitzungen gehen.
  • NaNo als Amt ist sonst sehr autonom, macht eigene Projekte und bewirbt sich selber um Forschungsgelder, um ihre Projekte durchzusetzen. Nur wenn der Umweltausschuss einen Antrag stellt, muss NaNo erst deren Aufgaben nachgehen. Der Leiter des Amtes selber ist Herbert Brüning, der sich stark von Kopenhagens Klimazielen inspirieren lässt. NaNo priorisiert konkrete Massnahmen. Hr. Brüning weiss, dass das Klimaziel 2040 nicht ausreicht, doch ist er sich sicher, dass das Ziel vorher erreicht sein wird. Ein Klimaziel auf 2025 oder 2030 zu setzen würde beeinhalten, ein Konzept aufstellen zu müssen und begründen zu müssen, was Ressourcen von der eigentlichen Arbeit wegnehmen würde und in Bürokratie stecken würde. Es hängt von der Arbeit vom Amt NaNo ab, wann Norderstedt klimaneutral ist. Ein Konzept für frühere Klimaneutralität müsste jedoch das Amt selber aufstellen. Somit würde das Ressourcen (Geld & Zeit) von deren eigentlicher Arbeit ablenken – und das für ein Ziel, das für die Politik rein symbolisch ist (paraphrasiert Hr. Brüning).
  • NaNo und die Stadtwerke Norderstedt sind beide separat, mit ihren eigenen Ausschüssen, aber kooperieren.

 

Wie arbeitet Norderstedt auf das Ziel Klimaneutralität 2040 hin? 

Offizielle Übersicht hier und hier. Seit den 90er Jahren reduziert Norderstedt etwa alle 5 Jahre Emissionen um -10%. Die Reduktion der Emissionen ist allerdings nicht das, was der Schlüssel zur Klimaneutralität ist. Strategien für Klimaneutralität sind sowohl die Gewinnung von erneuerbarer energie, Kompensation als auch Reduktion. Zum Beispiel sind 21 Schulen in Norderstedt CO2 neutral, indem sie ihren eigenen Solarstrom herstellen, den sie untereinander tauschen und teilen. Die Hauptstrategie zur Klimaneutralität ist jedoch weltweit, bundesweit sowie auch in Norderstedt die Kompensation.

 

Wie funktionieren CO2 Kompensationen?

Norderstedt nimmt an dem von den Vereinten Nationen gesteuertem internationalen Zertifikatehandel teil. Das heisst z.B., dass die Stadt Norderstedt rechnet, wie viel ihre Emissionen kosten, und dann für das Geld in einem anderen Land  in nachhaltige Energie investieren. Da Energie im Globalen Süden weniger kostet, können dort grosse Projekte finanziert werden, die die Regierungen dort sich sonst nicht leisten könnten.

Hr. Brüning bezeichnete dieses gängige Modell mürrisch als “Ablasshandel”, von dem er nicht viel hält. Nicht nur heisst es, dass sich Städte von ihren Emissionen freikaufen, sondern es heisst auch, dass Projekte im Ausland, die eh notwendig sind, dazu beitragen, dass sich eine Stadt klimaneutral nennen kann. Zwar ist es vorteilhaft und notwendig, dass internationale Kooperation stattfindet, um finanziell schwächeren Kommunen zu helfen, klimaneutral zu werden. Die “Kompensationszahlungen” müssten also sowieso geschehen – können sie also wirklich legitim als Kompensation angerechnet werden?​​​​​​​ Die Energiewende in z.B. einem südindischen Dorf wird somit als ein Mittel zum Zweck für eine westliche Stadt gesehen, um die eigenen Zahlen reinzuwaschen. 

 

Was gibt es noch für Strategien in Norderstedt?

Die Stadtwerke Norderstedt wollen CO2 neutral werden. Breitband (Internet) wird bereits CO2 neutral angeboten, aber der Strom noch nicht. Die Strategie hier ist nicht Kompensation, sondern schlaues Tricksen mit Zahlen. Von dem Strom, den die Stadtwerke Norderstedt verkaufen, erzeugen die Stadtwerke selber nur etwa 25%. Die restlichen ca. 75% importieren die Stadtwerke von anderen Stromerzeugern durch den “Tu wat” Tarif. In dem selbsterzeugten Strom von Norderstedt ist z.B. kein Kohlestrom enthalten. Allerdings liegt der Anteil von Kohlestrom bundesweit bei etwa 35% (2018: 36,9%). Somit kann Norderstedt von sich selber sagen, dass sie nur “guten” Strom produzieren, da der Kohlestrom nur eingekauft wird. Wenn die Stadtwerke Norderstedt sagen, sie wollen selber klimaneutral werden, ​​​​​​​​​​​reden sie nur vom selbst produzierten Strom. Momentan besteht der verkaufte Energie-End-Mix der Stadtwerke Norderstedt tatsächlich zu 17% aus eneuerbarer Energie. Wie dieser Energiemix zustande kommt und von wem eingekauft wird, entscheiden die Stadtwerke selber, nicht NaNo.

 

Wie erreichen andere Städte Klimaneutralität bis 2025?

Die australische Stadt Ballarat, Adelaide, Kopenhagen  wollen alle 2025 klimaneutral sein. Könnte Norderstedt sich dort etwas abgucken? Kopenhagen ist das grosse Vorbild von Herrn Brüning:

  • Morgens sind alle Ampeln so geschaltet, dass es stadteinwärts eine Grüne Welle gibt – aber nur, wenn du 20 km/h fährst. Da Menschen schnell lernen, geben sie das Stop & Go im Auto auf und sind auf Fahrräder umgestiegen. Die Stadt ist also so geschaltet, dass Fahrräder sich mehr rentieren als Autos.
  • Kopenhagen nutzt Müllverbennung als thermische Stromquelle.

Das allerdings würde Kopenhagen nie erlauben, bis 2025 wie geplant klimaneutral zu sein. Stattdessen muss Kopenhagen auch mit den Zahlen im Import und Export herumspielen. Dänemark hat zum Beispiel sehr hohe Emissionen durch hohen Konsum der Bevölkerung. Dafür kompensiert Dänemark, indem es viel eneuerbare Energie erzeugt und exportiert. Ausserdem macht Kopenhagen genau das, was auch Norderstedt für seine Klimaneutralität tut: Kompensationszahlungen tätigen und internationale Zertifikate kaufen.

 

Herr Brüning, kann Norderstedt bis 2025 CO2 neutral oder gar klimaneutral werden?

Die Stadtwerke Norderstedt sowie NaNo denken, dass Norderstedt vor dem 2040 Ziel klimaneutral sein wird. Das würde beeinhalten, dass der Verkehr auf Biokraftstoffe und Wasserstoffe umgestellt wird, und dass es ein Zehntel der Autos gibt und stattdessen ein solides Car-Sharing Modell. Wichtig ist, dass ein Wandel zum Home Office nicht notwendigerweise dem Energiewandel hilft – denn wenn man seine Freunde nicht mehr physisch im Büro antreffen kann, fahren Menschen viel häufiger abends oder am Wochenende durch die Gegend.

Wie oben dargelegt, ist die “Klimaneutralität” der Stadtwerke mehr oder weniger rein auf Papier. ​​​​​​​​Da Norderstedt nicht nur aus den Stadtwerken besteht, gibt es andere Baustellen, in denen Klimaneutralität erreicht werden soll. Wichtig ist, dass Norderstedts Klimaneutralität nicht nur aus “Ablasshandel” besteht. Hr Brüning schätzt davor, dass Klimaneutralität bis 2025 allerdings reiner Ablasshandel und Zertifikatekauf wäre. Somit wäre die Zahl 0 in der Bilanz erreicht, und alle würden sich damit zufriedengeben, anstatt tatsächlich die Ziele in dem 2040 Plan nachhaltig und richtig zu realisieren.

Wie oben dargelegt, würde für das Ziel “Klimaneutral bis 2025” ein Prüfungsantrag an das Amt NaNo durch den Umweltausschuss gestellt werden. Dann müsste NaNo Zeit und Kraft von tatsächlichen Massnahmen ablenken, um das Konzept aufzustellen. Dieses Konzept müsste dann wiederum im Ausschuss besprochen und akzeptiert werden – kurzfristig stellt somit sich ausserdem das Problem, dass das “konservative Lager” sich querstellen würde. Hr Brüning weiss, dass 2040 spät ist, und er hat Panik um das Klima. Allerdings weiss er, dass man mit “der Politik” auf eine ganz bestimmte Weise umgehen muss. Durch seine Herangehensweise hat er bereits die CDU 2015 dazu bekommen, ihm mehr Geld anzubieten, um ein Klimaprojekt zu realisieren. Dadurch, dass er schlau vorgeht, werden die Dinge auch wirklich umgesetzt, anstatt dass sich Menschen wegen politischen Zielen querstellen. NaNo konzentriert sich statt Slogans und Konzepten auf konkrete Massnahmen. Langfristig würde “Klimaneutralität bis 2025” als Konzept weniger nützen und ein Hindernis erschaffen.

 

Warum ist Hr. Brüning so ein Fan von Kopenhagen, wenn die auch Zertifikate kaufen?

Kopenhagen kauft auch Zertifikate, und geht in die Überproduktion von Energie, aber eben nicht nur. Wie oben beschrieben, ist Kopenhagen als Fahrradstadt so konzipiert, dass sie sehr bald tatsächlich keine Emissionen produziert. Somit wird Kopenhagen auf dem Papier bis 2025 klimaneutral sein, aber bis ca. 2040 klimanegativ sein, also zusätzlich zu den Kompensationszahlungen und der Energieüberproduktion auch noch die Quelle der Emissionen abschaffen. Allerdings steht die Gesellschaft in Kopenhagen hinter dem Modell und ist kulturell auf Umweltschutz geprägt. Wichtig ist es, zwischen der Mentalität in Dänemark und Kopenhagen zu unterscheiden. Kopenhagener sind ganz besonders – wo Kopenhagen weiterarbeiten würde, negative Emissionen zu erreichen, würde Norderstedt sagen “Okay, Klimaneutralität ist auf Papier erreicht, fertig!” 

 

Wie können XR und andere mit NaNo zusammenarbeiten, um maximalen Impact zu haben?

Um bestimmte konkrete Ziele im Umweltausschuss bewilligt zu bekommen, braucht Hr Brüning die Beteiligung der Zivilgesellschaft, wie z.B. Extinction Rebellion oder Fridays for Future. Der FDP Abgeordenete des Umweltausschusses hat kürzlich NaNo einen Prüfungsantrag gegeben, um zu prüfen, ob Solarpanels auf einem Feld gebaut werden können. Der Vorschlag des FDP Abgeordeten ist gut gemeint, aber ist ein Schritt zurück von den Massnahmen, die NaNo bereits ausgearbeitet hat und die NaNo bereit ist umzusetzen. Hr Brüning möchte gerne persönlich besprechen, wie wir die Fraktionsmitglieder im Ausschuss ansprechen/ kontaktieren, um die zu bewegen, den progressiven Massnahmen von NaNo Vorrang zu geben. 

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