Wir brauchen Männer!

Übersetzt von Mirja Kahle aus dem Englischen Original

Als ich in Indien lebte, bin ich ziemlich oft ein Objekt sexuellen Interesses geworden. Meine Hautfarbe machte mich interessant, und Menschen „wussten“ aus Filmen, dass weiße Frauen gerne Sex mit Zufallsbekanntschaften haben. Ich wurde nie tätlich angegriffen, aber selbst diese Erfahrung ließ mich unbehaglich fühlen. Auch in Deutschland und bis zum heutigen Tag hatte ich keinerlei Begegnung, die man „sexuell anstößig“ hätte nennen können. Als also die #MeToo Kampagne 2016 in den USA ihren Anfang nahm, fühlte ich mich also nicht wirklich in der Lage, etwas dazu sagen zu können. Aber je mehr mir die Komplexität der Welt bewusst wird, desto mehr denke ich, dass ich doch etwas sagen kann, alleine aus Solidarität mit all jenen dort draußen, die solche Situationen erlebt haben. Eine Kollegin von mir hat heute ein Event organisiert, auf dem sie anonymisierte Erzählungen aus Süd Asien vorstellte, aus einer Region, die in westlichen Medien als voller Vergewaltigung, sexuellem Missbrauch, Armut und Sexismus dargestellt wird.

Die Geschichten in dem Event meiner Kollegin waren genau so schlimm, wie ich es erwartet hatte – und dennoch waren sie denen, die ich aus der westlichen #MeToo Bewegung kannte, sehr ähnlich. Junge Mädchen, die von ihren Onkeln angefasst werden, Teenager, die in der Schule sexuell stigmatisiert werden, weil man ihre Unterwäsche sehen kann, Frauen, denen ihre Bosse auf der Geschäftsreise nachstellen. Was mich aber wirklich bedrückt, ist, dass die Kampagne in Süd Asien erst jetzt groß wird. Das erweckt den Eindruck, dass die westliche Bewegung kopiert würde, als nehme der Westen endlich Einfluss auf die südasiatische Kultur, obwohl Hausmädchen, Tagelöhner und Fabrikarbeiter in Süd Asien schon seit Jahrzehnten verzweifelt das System zu brechen versuchen. Letztendlich schafften es erst die amerikanischen Medien, dass aus diesen Hilferufen eine Bewegung wurde.

Wir, eine Gruppe von etwa zehn jungen Frauen – Indisch, Bangladeschi, Latinas, Britisch und Holländisch – begannen eine Unterhaltung über viele verschieden Themen, die mit alltäglicher sexueller Belästigung zu tun haben. Weil wir so viele Themen angeschnitten haben, möchte ich sie einzeln darstellen:

  • Nachwirkungen für Frauen

Aufgrund der höheren Bevölkerungsdichte und weil es in Süd Asien gerne geplaudert und gelästert wird, sind die Nachwirkungen für Frauen, die sich zu Wort melden, viel größer als für Frauen beispielsweise in den USA. Eine Frau würde nicht nur ihren Job verlieren, wenn sie ihren Boss beschuldigt, wie sie es vielleicht in den USA würde, sondern sie würde auch niemals einen neuen Job in demselben Sektor mehr finden, weil es sich herumsprechen würde. Ihre Familie wäre entehrt und würde sie hinauswerfen, und sie würde erneut Opfer sexueller Tätlichkeiten werden.

  • Die Rolle des Mädchens in der Familie

In allen Familien derjenigen Frauen aus Süd Asien, die an diesem Event teilgenommen haben, ist die männliche Beschützerrolle für die Frau ein wichtiges Thema. Jede der jungen Frauen sagte, dass ihr Vater als ihr Beschützer betrachtet wird und diese Rolle so lange innehat, bis ihr Ehemann die Rolle übernimmt. Und sobald sie Kinder hat, wird auch ihr Sohn sie beschützen.

  • Der Einfluss von Bollywood

Der Film „Toilet – Ek Prem Katha“ wird dafür gelobt, dass er das Stigma rund um Scheissen in der Öffentlichkeit bricht und den Mangel von Toiletten in ländlichen Gegenden thematisiert. Als ich diesen Film gesehen habe, hasste ich ihn. Sicherlich macht er die Öffentlichkeit auf ein wichtiges Thema aufmerksam, allerdings führt er auch ein anderes wichtiges weiter – der Protagonist des Films verfolgt im wahrsten Sinne des Wortes ein junges Mädchen, bis sie schließlich einwilligt, ihn zu heiraten. In einem weiteren Film heiratet ein Mädchen ihren Vergewaltiger und „bessert“ ihn, schließlich lebten sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Eines der jungen Mädchen sagte, dass sie im Alter von 12 Jahren von einem Mann gestalked wurde und sich sehr unwohl fühlte. Allerdings vermitteln Bollywood und die Gesellschaft, dass Stalking eigentlich romantisch sei, und so fühlte sie sich schuldig, dass ihr es nicht gefiel, dass jemand ihr folgte. Sicherlich ist es auch in anderen Ländern üblich, dass Stalking romantisiert wird, dass Haareziehen, Sticheln und Bullying „normal“ sind, weil der Junge dem Mädchen dadurch zeigen will, dass er sie mag. Allerdings führt die Indische Filmindustrie dieses Bild in gefährlichem Ausmaß weiter.

  • Abstammung

In Süd Asien ist die Hautfarbe ein großes Thema. Die Vorteile, aber auch die sexuellen Stereotypen, die ich aufgrund meiner weißen Hautfarbe erfahren habe, sprechen für sich. Frauen bleichen ihre Haut, damit sie heller sind, denn mit einer dunkleren Haut sind sie weniger wert. Ich habe Geschichten gehört, in denen sich Männer geweigert haben, sich mit einer Frau, die dunklere Haut als er selbst, auszugehen geschweige denn sie zu heiraten, da das große Ziel ist, heller Kinder zu zeugen. Und dieses rassifizierte Denken geht sogar noch weiter – insbesondere Frauen aus Nordost Indien werden in großem Maße sexualisiert, weil ihre Gesichtszüge eher chinesisch bzw tibetisch sind und deshalb „exotisch“. Pornografie in Indien bildet oft Mädchen aus dem Nordosten ab, weil sie „gehorsamer“ sind.

  • Kaste

— Ich bin kein Experte hinsichtlich Kasten, und immer noch verwirrt, und das hier ist lediglich meine Interpretation bezüglich dessen, was ich gehört habe, und kann nicht verallgemeinert werden —

In jeder Unterhaltung, die mit Indien zu tun hat, taucht irgendwann das Thema Kaste auf. Und das ist richtig so, denn obwohl das Kastensystem offiziell abgeschafft wurde, bestimmt es immer noch die Abläufe der Indischen Gesellschaft. Ursprünglich war es ein System, das effizient Aufgaben verteilt hat, die schmutzigen Aufgaben wie Hygiene und Sauberkeit den niedrigen Kasten zuteilte und die sauberen wie Bildung den höheren. Bei dem Event hielten wir fest, dass ein Mann, wenn er eine Frau aus einer höheren Kaste heiratet, „aufsteigt“. Dasselbe gilt allerdings nicht für eine Frau, und bestätigt dadurch unbewusst Geschlechterungerechtigkeit. Wie auch in anderen Gesellschaften haben Männer Beziehungen mit Frauen, von denen sie wissen, dass sie sie nie heiraten werden. Nur werden diese sexuell ausgebeutet und dann für eine „reinere“ Frau fallengelassen. Frauen aus niedrigeren Kasten sind häufiger Opfer von Sexualisierung durch Männer, die sich ausprobieren möchten, während Frauen aus höheren Kasten eher „unberührt“ gelassen werden, um ihre Reinheit zu bewahren. In einem gewissen Maße wird erwartet, dass dieses System in der Gesellschaft in Stein gemeißelt ist, und niedere Kasten werden sich schon nicht beschweren.

  • Sexualkunde-Unterricht

Für die südasiatischen Frauen, die an diesem Event teilgenommen haben, war es interessant zu hören, dass einige von ihnen Sexualkunde bereits in der 6. Klasse hatten, andere allerdings erst in der 11. Unabhängig davon sagten alle, dass Mädchen mehr Sexualkunde Unterricht erhalten als die Jungs, und üblicherweise in getrennten Klassen, alleine weil sie über Menstruation aufgeklärt werden müssen. Jungs dagegen lernen Sex üblicherweise durch Pornografie kennen. Nun ist Pornografie nicht grundsätzlich schlecht. Allerdings erklärte eine der Frauen, dass die „Südasiatische Pornografie“, die in niedrigeren Schichten verbreitet ist, kurz gesagt Vergewaltigungen darstellt.

  • Falsche Annahmen über die Vergewaltiger

Nach der Gruppenvergewaltigung eines Mädchens in einem Bus in Neu Delhi in 2012 war der Aufschrei in der Gesellschaft nach der Todesstrafe für  die Täter durch Hängen groß. Die Täter wurden schließlich in einem erfolgreichen gerichtlichen Verfahren, das referenztauglich ist, zum Tode verurteilt. Nichtsdestotrotz gingen die Rufe nach Tod durch Hängen für „alle Vergewaltiger“ weiter. Aber wenn die Vergewaltiger Onkel, Väter, Bosse sind, wo fängt man an? In den Medien werden die Vergewaltiger als Monster dargestellt, als bösartige unmenschliche Kreaturen, obwohl sie tatsächlich Personen sind. Indem man glaubt, dass jede Vergewaltigung auf solch eine grausame Art stattfindet, missversteht man Vergewaltigung. Und zu glauben, dass die Todesstrafe dieses tiefliegende gesellschaftliche Problem, das Männer überhaupt erst zu Vergewaltigern macht, lösen wird, ist naiv.

  • Keine einheitliche Frauenbewegung in der Gesellschaft

Wir haben darüber gesprochen, dass viele Frauen (nicht nur in Indien) die Möglichkeit haben, neben den Kindern noch einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen zu können, und dass viele Frauen froh darüber sind, beides miteinander vereinbaren zu können. Wir haben darüber gesprochen, dass die Tatsache, dass „Frauen eine Teilzeitbeschäftigung erlaubt ist“, zutiefst patriarchalisch ist. Aber können wir Frauen sagen, was sie möchten wollen? Ist es der Frauenbewegung überhaupt möglich, die genauen Wünsche der Frauen zu definieren und entsprechend zu handeln? Zugegebenermaßen gibt es eine große Lücke zwischen den Wünschen vieler Frauen aus den unteren Schichten und den tatsächlich erforderlichen Schritten, um diese Wünsche zu erfüllen: Wie weit müssen wir eintauchen, um die Fälle von häuslicher Gewalt und Vergewaltigung zu reduzieren? Reicht es, Männern beizubringen, dass Vergewaltigung nicht ok ist? Oder müssen wir nicht notwendigerweise tiefer eintauchen? Wird nicht jeder Versuch, der nicht das System komplett umkrempelt und ALLE Themen angeht, unzureichend sein?

Reflektive Gedanken nach dem Event

Jeder Erklärungsversuch der davon ausgeht, dass alle Frauen dieselben Probleme haben, ist zum Scheitern verurteilt – jeder Versuch mit dem Ziel, das Leben von Frauen zu verbessern, muss “intersektional” sein – muss einsehen, dass niemand nur einer Gruppe angehört. Ich bin Frau, aber meine Erlebnisse als Frau werden dadurch gekennzeichnet, dass ich auch noch einer anderen Gruppe angehöre.

Jede Frau steht anderen Herausforderungen gegenüber und Vorschriften, die verschiedene Faktoren im Kampf um Gleichberechtigung ignorieren und nur einer Gruppe zuarbeiten, vernachlässigen nicht nur manche Frau, sondern verschlimmern so manche Situation alleine dadurch, dass sie den Eindruck erwecken, das Problem sei gelöst. Eine der Frauen sprach diesbezüglich von „racial capitalism“, der grundsätzlichen Annahme, dass das derzeitige Wirtschaftssystem auf sozialen Unterschieden und Ungerechtigkeiten basiert.

Sobald man den Punkt erreicht hat, an dem man alle Verknüpfungen erkennt, wird es kompliziert. Eine der Frauen, die viel mit den Vereinten Nationen zusammengearbeitet hat, warnte uns: Wir würden nur in winzigen Schritten vorwärts kommen und auch die Hoffnung verlieren auf unserem Weg, unsere Projekte zur Verbesserung der Lebensqualität von Frauen vorwärts zu bringen.

„So ist sie, die Gesellschaft“

Die südasiatische Gesellschaft stigmatisiert partnerschaftliche Beziehungen und Sexualität. Es ist das Resultat der vielen Facetten von Geschlechtswahrnehmung und sexueller Gewalt. Wenn wir nicht einmal in der Öffentlichkeit die Hände halten können, wie sollen wir dann anderen zeigen, wie eine gesunde Partnerschaft aussehen sollte? Viele Frauen aus der Mittelschicht sind davon überzeugt, dass es ihre Aufgabe ist, ihrem Mann zu dienen. Auch sexuell. Ihre Töchter werden niemals eine gesunde Partnerschaft kennenlernen. Und auch auf den Straßen werden sie niemals erleben, wie eine gesunde Partnerschaft aussieht. Fehlende Vorbilder sind ein immenses Problem.

Ich weiß, dass „sie so ist, die Gesellschaft“. Aber sollte sie auch so sein? Wird eine Gesellschaft, die nichts dafür tut, dass ein gesunder Umgang mit partnerschaftliche Beziehungen gestärkt wird, jemals in der Lage sein, das Problem der sexuellen Gewalt anzugehen?

Wir brauchen Männer!

Etwa die Hälfte der Bevölkerung ist männlich. Oft sind sie die Täter, aber sie sind auch diejenigen, die die Macht haben, das System zu ändern. Ihnen wird zugehört, und wenn Männer die Forderungen der Frauen unterstützen, gewinnen Frauen an Stärke. Leider sind viele Männer, die derzeit von sich behaupten, sie würden Frauenrechte unterstützen, ihren Ehefrauen zu Hause gegenüber  tätlich geworden. Und entweder verstehen sie nicht genau, was Feminismus wirklich ist, oder sie nutzen den Schwung der Bewegung, um öffentlich gut als Unterstützer dazustehen. Wir müssen mit Männern zusammen arbeiten, wir brauchen sie, aber wir wissen nicht, wem wir vertrauen können. Und leider, leider nahm nicht ein einziger Mann an der Veranstaltung teil.

Ich habe mich mit meinem indischen Freund über die Rolle der Männer unterhalten, und ich glaube, dass er mir in den meisten meiner Punkte zustimmt. Ich habe aber den Eindruck, dass er nicht glaubt, dass diese Dinge in seiner unmittelbaren Umgebung passieren. Wenn er im Krankenhaus arbeitet, dann hat er schon mit Vergewaltigungsopfern zu tun, nur beschränkt sich seine Aufgabe darauf, ihnen medizinisch zu helfen. Ich habe mich mit dem besten Freund meines Freundes über Pornografie unterhalten, und nach einer guten und intensiven Diskussion waren wir uns in den meisten Punkten einig. Und irgendwann in der Zukunft werden beide jungen Männer (sofern sie denn wollen) selbst tolle Väter sein und starke Kinder großziehen, die das Patriarchat zum Einsturz bringen werden. Und dennoch werden beide jungen Männer nicht gegen ihre Eltern aufbegehren, weil sie dafür keine Notwendigkeit sehen. Sie werden beide vermutlich für einen Politiker stimmen, der der Vergewaltigung angeklagt ist, weil er ein gutes Wahlprogramm hat. Beide werden vermutlich Politikern ihre Stimme geben, deren Wahlprogramm unterschwellig einheimische Frauen, die für sexuelle Ausbeutung anfällig sind, diskriminiert. So sehr ich mich darüber freue, wie progressiv mein Freund und sein bester Freund sind und denken, so sehr bezweifle ich, dass ihnen die Ausmaße des Problems bewusst ist.

Und ja, dasselbe gilt auch für viele Frauen, die aus einem privilegierten Umfeld stammen, inklusive mir selbst – wir müssen aufpassen, dass wir Folgendes nicht vergessen: Nur weil wir Gleichheit durch eine Richtlinie erhalten, bedeutet das nicht, dass das Frauen anderer Herkunft ebenfalls tun.

Die Anzahl an Erzählungen, die dem Schema #MeToo folgen, sind in westlichen Ländern mit großer Wahrscheinlichkeit dieselben wie in Indien, Bangladesch etc. Auch inhaltlich sind sich die Berichte ähnlich. Allerdings weichen in Süd Asien die Sichtweisen, was getan werden soll oder was das ultimative Ziel ist, voneinander ab. Unstrittig ist, dass das Problem viel tiefer verwurzelt ist und dass ein Lösungsansatz anders aussehen muss als in den USA oder den Niederlanden.

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